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MagLog
Kein Wort

Ein Wochenende in Budapest hat vieles zu bieten: Kultur, Geschichte, Entspannung, Feiern… Was will man mehr?

Mit diesem Gedanken habe ich mich am Sonntag auf den Weg gemacht – vom Hostel in das Haus des Terrors. Durchaus vielversprechend für Geschichtsinteressierte befindet sich das Museum in der Andrassy ut 60, in einem breiten Boulevard im Stadtzentrum.

Schon beim Betreten des Gebäudes ist klar, dass es sich hier nicht nur um ein Museum handelt, sondern gleichermaßen um eine Gedenkstätte. Das Haus des Terrors hatte zunächst ab 1937 den Pfeilkreuzlern als Parteizentrale und später ab 1945 der politischen Polizei des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes als Hauptquartier.

„No fotos“, sagt der Mann am Schalter streng mit einem Blick auf meine Tasche. Natürlich habe ich einen Fotoapparat mit. Benutzen werde ich ihn nicht. Dafür sorgt schon dieses bittere Gefühl in der Magengrube, wenn ich darüber nachdenke, was in diesen Mauern alles passiert ist. Wie viele Menschen hier gefoltert wurden. Wie viele getötet wurden. Wie viel hier geschehen ist, das uns heute – nicht einmal ein Jahrhundert später – unmöglich erscheint.

Jeder Raum beleuchtet einen anderen Aspekt jenes düsteren 20. Jahrhunderts, das unsereiner längst überwunden glaubte. Die meisten Filme und Informationen gibt es nur auf Ungarisch, englische Untertitel sind rar, aber in jedem Raum liegen Zettel zum Mitnehmen in englischer Übersetzung bereit.

Die Räume sind beeindruckend: Zu sehen sind die ehemaligen Gefängniszellen, in denen namhafte Persönlichkeiten gefangengehalten wurden – unter anderem Imre Nagy, der zur Zeit des Ungarnaufstandes von 1956 Ministerpräsident war und stets versucht hatte, innerhalb der Sowjetunion einen Sonderstatus für Ungarn zu erhalten. Zu sehen sind aber auch die Folterinstrumente, welche die Pfeilkreuzler anwendeten. Die Pfeilkreuzler bauten 1944 in Ungarn mit der Unterstützung der deutschen Nationalsozialisten ein totalitäres Regime auf. Ein halbes Jahr lang regierten sie jene ungarischen Gebiete, die nicht von der Roten Armee besetzt waren, und ermordeten Schätzungen zufolge bis zu 50 000 Juden allein in Budapest.

Vor der Herrschaft der Pfeilkreuzler regierte Miklos Horthy in Ungarn. Er war Reichsverweser in der „Monarchie ohne Monarchen“. Mit den Friedenverträgen nach dem Ersten Weltkrieg verlor Ungarn zwei Drittel seines Gebiets und ein Drittel der magyarischen Bevölkerung, die fortan als Minderheiten in anderen europäischen Staaten lebte.

Auch das kann man im Handout nachlesen. Mit einer interessanten Pointe: „Up to the Nazi occupation of 1944, Hungary’s affairs were conducted by an elected legitimate parliament and government, with representatives of active opposition parties sitting in the chambers. Depite wartime restrictions, freedom of the press was upheld. Hungarian citizens lived a better and freer life than their neighbours.“

Kein Wort fällt im Haus des Terrors darüber, dass es bereits zu Horthys Zeiten Juden terrorisiert und ghettoisiert wurden. Kein Wort darüber, dass bereits Horthy mit Hitler und Mussolini verbündet war. Kein Wort darüber, dass in der Horthy-Ära teilweise nur zwischen 20 und 40 Prozent der Bevölkerung wahlberechtigt waren. Kein Wort über die Zeit des „weißen Terrors“ gegen Kommunisten und Sozialisten, die er einleitete.

Kein Wort. Es waren die Nazis, welche die jüdische Bevölkerung nahezu ausrottete, es waren die Pfeilkreuzler, die sie in Ungarn unterstützten, und es war die sowjetische Besatzung, die später für den Tod von unzähligen Menschen verantwortlich war.

Schlägt man die Broschüre des Haus des Terrors auf der letzten Seite auf, so gibt es dort einen kleinen, aufschlussreichen Hinweis: „The house of Terror Museum was built with the support of Prime Minister Viktor Orbán […]“

Das Haus des Terrors: Wie viel ist hier geschehen, das uns heute – nicht einmal ein Jahrhundert später – unmöglich erscheint. Unmöglich – und das sollten wir mittlerweile gelernt haben – ist leider zum Glück gar nichts.

Wessen Uni?

Wenn Parolen wie „Wir sind friedlich, was seid ihr?“ und „Keine Gewalt!“ durch die altehrwürdigen Gänge der Universität Wien hallen, stimmt etwas nicht. Und dieser erste Eindruck trügt nicht:

Ab Wintersemester 2013 soll es keine Neuinskriptionen für die Studienrichtung Internationale Entwicklung mehr geben – keinen Bachelor mehr. Gründe dafür: Die Betreuungsverhältnisse sind nicht gewährleistet, und Einschränkungen durch einen Notfallparagraphen (wie z.B. bei Psychologie und Publizistik) darf es nur bei Fächern geben, die in Deutschland einem Numerus Clausus unterworfen sind.

Die Studis besetzen das Rektorat. Wer am Donnerstagvormittag in die Hauptuni kommt und noch nichts davon weiß, dem fallen spätestens die zahlreichen Polizeiwagen vor dem Gebäude auf. In der Uni – vor dem Rektorat – sitzen Studierende am Boden und auf den Treppen. Etwa 150 waren es wohl, also doch sehr wenige im Verhältnis zu jenen über 2000, die IE studieren. Die Polizeipräsenz: erdrückend. Ein Polizeieinsatz in der Universität? Wie weit muss es eigentlich noch kommen?

„Wir sind hier und wir sind laut, weil man uns den Bachelor klaut!“

Trotz allem ist die Atmosphäre unter den Studierenden noch relativ entspannt.

„Studiert ihr IE?“

„Ja, du etwa nicht?“

„Nein, aber wir haben auf der Slawistik ähnliche Probleme, nur sind wir so wenige, dass uns das Argumentieren viel schwerer fällt als euch IE-lern“

„Aaha, dann bist du also solidarisch…“

„Ja, so könnte man das nennen.“

Wenig später riegelt die Polizei alle Zugänge zum Rektorat ab. Wer protestiert, kann raus, aber rein lassen sie niemanden mehr. Längst machen es sich die Leute auf dem Boden bequem und warten das Vorgehen der Polizei ab. Drei Leute haben sich als Clowns verkleidet und tanzen vor den Polizeisperren, um ihnen die Absurdität des Einsatzes vor Augen zu führen. So manche/r Polizist/in kommt dabei zum Lachen. Schauen die eigentlich immer so ernst aus? Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ein Einsatz in der Universität auch für sie nicht so das Wahre ist.

Immer wieder hallen Parolen durch die Gänge, begleitet von Pfiffen und Händeklatschen.

Jemand steht auf und schreit irgendetwas von wegen, „das Rektorat mit Gewalt halten“ .

„Buuuh!“, rufen die Anwesenden sofort.

Und das in einer Lautstärke, dass sich der Schreihals bald aus dem Staub macht und zwischen zwei Polizisten durchschlüpft.

Ganz verbannen lassen sich manche teils auch erschreckende Parolen trotzdem nicht:

„Kein Gott, kein Staat, kein Unirektorat!“

Immer wieder werden Besetzende aus dem Rektorat herausgezerrt – die draußen Wartenden applaudieren. Teilweise ziehen drei Polizisten einzelne Personen mit Gewalt die Treppe herunter, von wo aus sie nicht mehr zur eingeschlossenen Menge kommen kann.

Obwohl immer wieder Sprüche wie „Wessen Uni? - Unsere Uni!“ die Studis aufrütteln und motivieren, wird einem doch allmählich mulmig. Wie lange geht das noch so weiter? Die meisten sitzen friedlich vor dem Rektorat und rufen Parolen durch die Gegend oder pfeifen auf ihren Trillerpfeifen. Wie es zur Besetzung gekommen ist, das haben nicht alle mitbekommen.

Einer Sprecherin des Rektorats zufolge wurde dabei Gewalt angewendet und sogar eine Mitarbeiterin leicht verletzt.

Immer mehr Polizei kommt nun über die Treppen herauf, bis es bei beiden Treppenaufgängen etwa zwanzig Personen sind, welche die Uni vor ihren Studierenden schützen wollen; sie alle sind mit Helmen und Schlagstöcken ausgerüstet. Irgendwann erreicht die Studis die Nachricht, dass die Sponsionsfeier, die im großen Festsaal hätte stattfinden sollen, in den Arkadenhof verlegt wurde. Gelächter, Klatschen, Pfeifen.

Einen Augenblick tun mir die leid, die ihre Sponsion hätten feiern wollen. Andererseits: Es geht hier nicht um einen Studienabschluss, nicht darum, was geleistet wurde. Hier geht es darum, dass eine gefragte Studienrichtung geschlossen werden soll. Keine IE mehr – das ist erst der Anfang. Was danach kommt, will ich gar nicht wissen.

Hier geht es nicht darum, was bisher geleistet wurde. Hier geht es darum, dass auch in Zukunft geleistet werden soll. Darum, dass wir gerade dabei sind, ein Universitätssystem in Grund und Boden zu sparen.

Und nein, so bedeutsam es für die Studis auch ist, ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen – selbst das legitimiert keine Gewalt, überhaupt KEINE.

Mit der Zeit wird die Lage angespannter. Die massive Polizeipräsenz schüchtert ein. Der Enthusiasmus der Uni-brennt-Proteste ist längst verflogen. Schweigen, Unwillen und Untätigkeit der Politik lähmen und ermüden.

Radikale Ideologien haben die Forderungen nach besseren Studienbedingungen aufgeweicht – was nicht heißen soll, dass Protestaktionen nur noch aus Ideologien und Radikalismus bestehen. Gerade der Protest der IE zeigt das: Hier scheint der Drahtseilakt zwischen politischer Polemik und ernst gemeintem Protest doch gelungen zu sein – von wenigen Ausnahmen abgesehen.

„Gehen wir?“

Gerade zerren Polizisten die ersten von den Stufen vor dem Eingang des Rektorats. Wie viele noch im Rektorat selbst sind, weiß ich nicht.

„Wir sind friedlich – was seid ihr?“

„Wessen Uni? - Unsere Uni!“

„Keine Gewalt! Keine Gewalt!“

Ich schaue hinüber zu denen, die gerade von der Polizei „entfernt“ werden.

Nein, das muss dann doch nicht sein.

„Ja, gehen wir.“

Auch für jene, die des Spanischen nicht mächtig sind (so wie meine Wenigkeit): Camila Vallejo auf einer Demonstration.

Sollten wir sie vielleicht doch ernst nehmen?

Ihre Eltern sind Kommunisten, sie selbst wurde es während ihres Geografie-Studiums. Im April wird sie gerade einmal 24, aber ihren Namen kennt die Welt bereits. Sie erregt Aufsehen, wenn sie spricht, hört man zu – selbst wenn man des Spanischen nicht mächtig ist. Ihre Reden hält sie absolut frei, leidenschaftlich, rhetorisch genial. Sie ist sie eines der vielen Gesichter unserer Generation – einer Generation, die tagtäglich mit dem Wort „Krise“ konfrontiert wird, die studieren muss, um Geld zu verdienen, und nicht um lernen. Unserer verträumten Generation, die zu jung, zu idealistisch, zu naiv ist – und die man daher an der Nase herumführen kann und nicht ernst zu nehmen braucht.

Sie kämpft für ein Bildungssystem, zu dem alle sozialen Schichten Zugang haben, sie kritisiert den weltweiten Neoliberalismus, sie setzt sich für ein faireres Gesundheitssystem ein. Längst reichen die Forderungen über den universitären Bereich hinaus.

Auf der anderen Seite trifft sie sich auf Kuba mit Fidel Castro, lobt sein Regime und verweigert den Dissidenten ein Treffen. Schattenseiten einer Heldin? Facetten eines Menschen, dessen Schwächen und problematischen Ansichten nie thematisiert wurden?

Als „leader degli ‘indignados’“ wurde sie von der italienischen Tages Zeitung Il fatto Quotidiano betitelt, als „Gesicht des Kommunismus“ von der FAZ, für den britischen „Guardian“ ist sie die „sympathischste Revolutionärin seit Subcommandante Marcos“, der in den 90er Jahren für die Rechte der indigenen Bevölkerung in Mexiko kämpfte.

Da ist eine junge Frau, die sich vor die Studierenden stellt und sie mitreißt. Eine, die die Welt verändern will. Eine, die träumt, die jung ist, idealistisch und vielleicht sogar naiv. Und doch eine, die sagt, die Proteste hätten nicht mit ihr begonnen und würden nicht mit ihr aufhören.

Ob das stimmt? Vielleicht sollten wir sie zumindest ernst nehmen - egal, ob sie ihre Ziele erreicht oder nicht. Das gilt nicht nur für Camila Vallejo! Vielleicht sollten wir auch Südamerika ernster nehmen, Chile, die Kommunisten, junge Menschen und ihr Bedürfnis, sich zu bilden. Vielleicht sollten wir uns selbst ernster nehmen – unsere Generation. Denn wir sind wir – und damit das Produkt unserer Zeit und eines Systems, das wir selbst nicht bestimmt haben. Natürlich träumen wir. Natürlich sind wir jung. Natürlich sind wir idealistisch. Natürlich sind wir naiv. Und das ist auch gut so.

Quellen:

Il fatto quotidiano: “Cile, la leader digli Indignados: “Fuori dal paese gli uomini di Pinochet””

The Guardian: “Chile’s Commander Camila, the student who can shut down a city”

FAZ: “Camila Vallejo: Das Gesicht des Kommunismus”

taz: “Chilenin Camila Vallejo: Die Eine aus einer Million”

Der Trailer des Films “The Lady” - die Geschichte von Aung San Suu Kyi von Luc Besson.

Die Frau mit den Blumen im Haar ist eine beeindruckende Persönlichkeit.

Aung San Suu Kyi im Parlament

Was ist oder was war da los? Wie konnte es so weit kommen? 2007 wurden die Demonstrationen von Mönchen noch gewaltsam niedergeschlagen, lange Zeit ließ man humanitäre Hilfe nach Umweltkatastrophen aus Prinzip nicht ins Land. Das an Bodenschätzen reiche Land war heruntergewirtschaftet von einer Militärjunta – die von freien Wahlen nicht viel hielt.

Und dann? Dann wurde eine starke Frau einfach immer stärker. Aung San Suu Kyi hatte sich schon seit den 1980er Jahren für eine Demokratisierung eingesetzt. Man sieht sie noch heute als „Nelson Mandela Asiens“ - ein Vergleich, der bestimmt hinkt und ihre Bedeutung und Verdienste herunterspielen würde.

1990 siegte ihre Partei, die National League for Democracy (NLD), bei den Wahlen, die vom Militär kurz und gut für ungültig erklärt wurden. Seitdem gab es keine Wahlen mehr, oder nur solche, die vorgaben welche zu sein. Suu Kyi verbrachte den größten Teil dieser Zeit unter Hausarrest. Für ihren gewaltlosen Widerstand erhielt sie 1991 den Friedensnobelpreis.

Suu Kyis Biographie bewegt: Sie ist die Tochter eines Vorkämpfers für die Unabhängigkeit, General Aung San. Ihre Mutter war die erste weibliche Botschafterin Burmas in Indien.

Ja, natürlich ist so jemand prädestiniert dafür, die Sache in die Hand zu nehmen, selbst zu handeln, den Vorbildern der Vergangenheit zu folgen. Aber das soll alles, was sie erreicht hat, natürlich nicht schmälern. Da ist eine Frau, die über die Hälfte der letzten dreißig Jahre unter Hausarrest verbracht hat – und nun im Parlament sitzt.

Über dreißig Jahre lang zu kämpfen, verlangt mehr als nur einen Schuss Wahnsinn und Mut. Das verlangt Ausdauer. Wer kämpft schon drei Jahrzehnte für eine Demokratisierung – wo ihr doch immer wieder angeboten wurde, ins Ausland zu gehen. Aber sie ist nie gegangen. Sie blieb, wuchs und wurde mit jedem Tag unter Arrest stärker. Ihr ist es wohl auch zu verdanken, dass wir in unserer Ignoranz und Arroganz dieses fremde und faszinierende Land in Südostasien nicht ganz vergessen haben.

Ja, vielleicht ist es naiv, zu sagen, es würde sich nun viel ändern. Die NLD hat zwar 40 von 45 vakanten Parlamentssitzen erworben, aber 80% der Sitze sind immer noch in der Hand der Militärjunta. Die Wahlen waren nämlich nur Nachwahlen – und wer in Burma in der Regierung sitzt, darf nicht gleichzeitig im Parlament sitzen. Also gab es Nachwahlen, zu denen erstmals auch Suu Kyi zugelassen war. Aber dennoch:

Aung San Suu Kyi ist bestimmt einer jener Menschen, die Geschichte nicht schreiben, sondern sie in die Hand nehmen. Und die sich nicht davon unterkriegen lassen, dass alle Welt schreit: „Nein, das ist unmöglich.“

Der Link zum Video der Podiumsdiskussion über die prekären Arbeitsverhältnisse im Journalismus.

Eine Diskussion voller Höhen und Tiefen: erschreckende Zahlen, ideologische Aussagen und immer wieder die Gewissheit, dass dieser Beruf für so manchen existenzbedrohende Ansprüche stellt.

Prekäre Verhältnisse im Journalismus? … !

Wenn heutzutage ein junger Mensch sagt, er oder sie will Journalist/in werden, dann ist oft die erste Reaktion: “Du weißt aber schon, wie schwer es ist, da reinzukommen?”

Was antwortet man darauf, wenn man selbst dieser junge Mensch ist? Nickt man stur und nimmt sich vor, hart für den Traum zu arbeiten? Sucht man sich eine Fachhochschule für Journalismus, müht sich durch die Aufnahmeprüfung, plagt sich mindestens drei Jahre durch einen Studienplan, der sehr fokusiert, sehr straight, sehr einseitig ist, aber erfolgsversprechend - genauso wie das Konzept FH? Studiert man das Fach, das einem leidenschaftlich liegt, das einen begeistert und begründet das dann damit, dass man eben jetzt sein “Spezialgebiet” habe?

Möglichkeiten, im Journalismus gibt es schon viele. Nur die Verhältnisse sind prekär. Pflichtpraktikanten, die gratis arbeiten, Leute, die sich von einem Praktikum zum nächsten handeln, schlechte Zeilenhonorare für harte Arbeit. Ja, so sieht der Alltag junger Journalisten aus.

Podiumsdiskussionen wie jene vom Online-Magazin Paroli in der FH Wien sind da zwar wichtig und richtig, werden aber nichts ändern. Ein offener Brief - oder auch mehrere - werden wachrütteln, aber genauso wenig ändern. Es ist wie so oft: Wir sind mal wieder zu jung, zu unerfahren, wir stehen wieder einmal erst am Anfang unserer Karriere. Und etwas bewegen kann nur, wer in der Karriereleiter schon einige Stufen emporgeklettert ist. Wenn der Vertreter der Journalistengewerkschaft davon spricht, dass allein in Oberösterreich 44% der journalistischen Schreiberlinge freie Mitarbeiter sind, dann sagt die Gegenseite einfach, sei glaube das nicht. Und wenn eine junge Kollegin für ein veröffentlichtes Interview nichts bezahlt bekommt und dann sagt die Geschäftsführerin auf dem Podium einfach, das könne nicht sein. Weil alle etwas bezahlt bekommen, die was veröffentlichen (Ausnahme Leserkommentare - aber es war ja ein Interview). Aber das sind Einzelfälle - haarsträubende zwar, aber sie zeigen den Fehler im System nicht auf.

Der Fehler im System liegt - und selten war ein so komplexer Sachverhalt so einfach und durchschaubar - das junge Journalistinnen und Journalisten nicht ernst genommen werden (müssen). Es gibt ja genug. Also machen wir mit ihnen, was wir wollen. Billige Arbeitskräfte und noch dazu können wir von uns behaupten, wir würden junge Menschen ausbilden und ihnen zu einer Chance verhelfen. Wunderbar. Was wollen wir mehr? Diese Jungjournalistinnen und -journalisten sind ohnehin viel zu jung, viel zu unerfahren, sie stehen ja erst am Anfang.

Ein Augenzeugenbericht vom Wahlsonntag in St. Petersburg.

Am 4. März – also am Tag der Präsidentschaftswahlen in Russland – war Mag. Katharina Tiwald, Mitarbeiterin am Institut für Slawistik, in St. Petersburg. In diesem Text schildert sie ihre Erlebnisse. “Es war irre”, schreibt sie.

Der Bechdel-Test angewendet auf die Oskar-nominierten Filme: ein ernüchterndes Fazit. Es geht darum, ob die Filme folgende Kriterien erfüllen:

1. im Film kommenden mindestens zwei Frauen vor

2. die sich miteinander unterhalten

3. und zwar über etwas anderes als einen Mann.

Tag der Frau?!

Ja, es ist mal wieder Tag der Frau. Ich wünsche mir, dass wir den irgendwann nicht mehr brauchen. Schon jetzt ist es faktisch ein Tag, an dem sich in Russland Männer auf das Wohl der Frauen hin betrinken (wer aufräumen muss? Die Frage ist eine rhetorischer Natur!), selbst in Westeuropa haben Kommerz und Wirtschaft längst das Ihre dazu beigetragen.

Gerade dann kommt mir eine Wissenschaftlerin in den Sinn, die vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung gerade heute mit dem Gabriele-Possanner-Förderpreis ausgezeichnet wurde: Evi Genetti.

Evi Genetti erhielt den Preis für ihre Dissertation mit dem Titel “Staaten im Wettbewerb. Zur Transformation von Geschlechterrollen im Kontext der EU”. Sie studierte Politikwissenschaften, Ethnologie und Gender Studies in Wien und Großbritannien - und stellte in ihrer Dankesrede trotz festlichem Anlass ihre Meinung nicht in den Hintergrund. Sie sprach über den freien Hochschulzugang - und darüber, wie wichtig er für sie in all den Jahren des Studiums gewesen war.

Nichts desto trotz: In seinem Schlusswort tat der Bundesminister den “freien Hochschulzugang” als “politisches Schlagwort und sonst nichts” ab. Aber aus dem Nichts heraus schreibt eine Wissenschaftlerin nun mal keine preisgekrönte Dissertation - die in der Laudatio als “genderpolitische Weichenstellung” bezeichnet wird.

Dazu braucht sie Chancen und die Möglichkeiten, diese zu nutzen. Sie braucht Ehrgeiz, Interesse und Eigeninitiative. Und den festen Glauben daran, dass nichts, was sie tut, umsonst ist.

Die Herausforderung des täglichen Lesens

Wir können lesen.

Immerhin sind wir alle zur Schule gegangen. Oder tun es noch - Universität, FH, lebenslanges Lernen und so. Aber wir können lesen.

Das ist nicht selbstverständlich. Doch es soll nicht um Zahlen gehen, nicht um Analysen, nicht um Gründe. Wie so oft, können die andere um ein Vielfaches besser ergründen, beweisen, nachweisen, erklären, erforschen, beschreiben.

Lesen ist eine relativ einfach erlernbare Fähigkeit - aber eine Fähigkeit mit einem unglaublichen Potenzial dahinter. Kant bezeichnete einst die Aufklärung als den “Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit”. 

Was dient der Meinungsfindung eines Menschen mehr, als das eigenständige und selbstmotivierte Lesen?

Ja, ich gebe zu. Es ist anstrengend, täglich eine Zeitung in die Hand zu nehmen oder gar die entsprechenden Neuigkeiten, Zahlen, Daten oder Fakten aus dem Internet herauszusuchen. Und das alles in einem Leben, das einem sonst schon alles abverlangt: frühes Aufstehen, arbeiten, studieren, sich engagieren, sich interessieren…

Und in all dem Chaos muss man sich dann auch noch darüber den Kopf zerbrechen, woher die Info stammt, man muss Quellen nicht nur sichten, sondern sie de facto immer in Zweifel ziehen. Und die Wahrheit? Die Wahrheit findet man ohnehin nicht.

Alles, was man finden kann, wenn man täglich liest, das ist eine eigene Meinung, eine Inspiration, eine Idee davon, was gut und was schlecht ist - oder in welchem Graubereich dazwischen etwas einzuordnen ist. Ständig auf dem Laufenden zu bleiben, ist anstrengend, ja vielleicht sogar eine Lebensaufgabe. Dennoch: Gerade heute haben wir diese Möglichkeiten. Wir können lesen. Was wollen wir mehr?

Wir haben nicht nur das Recht auf eine Meinung, sondern die Pflicht dazu. Sie muss nicht schwarz oder weiß sein. Aber es muss sie geben.

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Interview des Bayrischen Rundfunks mit dem Blogger Emin Milli über die Presse(un)freiheit in seiner Heimat. Aserbaidschan ist für viele noch immer ein weißer Fleck auf der Landkarte. Wer kennt sich schon mit den ganzen Nachfolgestaaten der Sowjetunion aus?! Mit dem Sieg Aserbaidschans beim Eurovision Songcontest 2011 ist zumindest die Hauptstadt bekannter geworden: Baku. Doch Aserbaidschan hat- wie so viele andere Nachfolgestaaten der Sowjetunion - den Übergang zur Demokratie eindeutig nicht geschafft. Dass für den ESC 2012 zahlreiche Häuser willkürlich zerstört wurden, interessiert kaum. Chi paga fa la musica. Wie immer.

Das Schreckgespenst Schulreform ist tot

 Es war einmal die Schulreform…

Vor meiner Matura geisterte durch Schulen in Südtirol (vielleicht sogar in ganz Italien) ein Schreckgespenst. Es nannte sich Schulreform, wurde von Lehrenden und Lernenden verteufelt, stellte Schulen vor angeblich absolut unmögliche Herausforderungen, die damalige italienische Ministerin Gelmini wurde mit Schimpf und Schande bedacht (wohl nicht ganz zu unrecht, muss man sagen) – und das obwohl der Provinz Bozen zumindest ein kleiner Spielraum blieb.

Auch wenn ich jetzt nicht mehr in der Schule bin – dieses Schreckgespenst geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Schülerinnen und Schüler, die kein Streikrecht hatten, streikten und fuhren nach Bozen zur Demonstration. Ich erinnere mich noch, wie ich im Editorial unserer Schulzeitung schrieb: „Der Unterricht liegt brach, Lehrer streiken, Schüler machen mit und nehmen dafür eine unentschuldigte Absenz in Kauf, wo doch am Vorabend bereits alles beschlossene Sache ist.”

Mit September 2011 trat die Reform schließlich auch in Südtirol in Kraft - und betraf alle, die sich im Frühjahr 2011 eingeschrieben hatten.

Es kam wohl einiges an Änderungen auf die Schulen zu. Und dennoch: Wer redet heute noch von der gefürchteten „Aufwertung der Betragensnote“, die zum Notendurchschnitt dazugerechnet wird? Dass man damit der Willkür Tür und Tor öffnete, hatte wohl niemand bedacht (oder bedenken wollen). Aber jetzt regt sich niemand mehr darüber auf. 

Diese ominöse Betragensnote ist ja nicht der einzige Punkt, der an der Schulreform kritisiert wurde. Lange ging das Gerücht um, das Fach Rechts- und Wirtschaftskunde (kurz: RWK) würde an den Gymnasien gestrichen. Das Gerücht hat sich im Nachhinein zum Glück wirklich nur als Gerücht herausgestellt - nach wie vor gibt es also für die Schülerinnen und Schüler in den Gymnasien in den ersten zwei Jahren jeweils zwei Stunden Recht und Wirtschaft. Die Katastrophe wurde also zumindest in Südtirol abgewendet.

Und dennoch stelle ich mir im Nachhinein die Frage, ob das reicht. Diese zwei ersten Oberschul-Jahre waren durchaus lehrreich. Aber sie waren oberflächlich und geblieben ist nur wenig. Was ich weiß, weiß ich aus Eigeninteresse und Selbststudium. Von allzu vielem habe ich überhaupt keine Ahnung (mehr). Für politische Bildung, für Diskussionen, für weiterführende Interessen blieb kein Platz - und ich bezweifle, dass sich das geändert hat.

Dabei wäre all das gerade jetzt so wichtig: iIn einer Phase, in der die Wahlbeteiligung immer weiter sinkt, in einer Phase politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit, in einer Phase, in der die Macht mehr als sonst in der Hand junger Menschen liegt - und von denen nur allzu leicht auch missbraucht werden kann.

 Wie können wir von Jugendlichen erwarten, dass sie sich interessieren und engagieren, dass sie sich politisch artikulieren und ihre demokratischen Rechte einfordern, wenn wir sie – oder zumindest einen Teil von ihnen - nur mit oberflächlichen Kenntnisse ins Leben schicken? Was sind schon zwei Stunden wöchentlich über zwei Jahre? In einem Alter von 14 bis 16 Jahren? Politische Bildung ist nicht etwas, das man erlernt und dann beherrscht, sie ist ein Prozess, ein Prozess der Meinungs- und Selbstfindung. Natürlich haben alle die Möglichkeit sich außerschulisch zu informieren. Aber mal ganz ehrlich: Wer tut das schon? Ich für meinen Teil hatte während meiner Oberschulzeit anderes zu tun, als das internationale, nationale und regionale politische Parkett zu beobachten.

Es gibt ja noch ein Fach, in dessen Verantwortung zumindest ansatzweise auch die politische Bildung junger Menschen liegt: Geschichte. Aber das Programm für das Fach Geschichte ist in der Oberschule bereits so gedrängt, dass es so gut wie unmöglich ist, da auch noch Zeitgeschichte und politische Bildung unterzubringen.

Wir sind diesen Menschen gegenüber unfair: Denn wir erwarten von ihnen, dass sie wählen, dass sie sich interessieren und engagieren. Und gleichzeitig berauben wir sie in dem Moment, in dem sie wählen und mitbestimmen können eines wichtigen Ortes und einer wichtigen Möglichkeit des Dialogs und des Austauschs: der Schule.
Wenn wir natürlich daran interessiert sind, dass Althergebrachtes seine Machtposition hält, wenn wir gegen Veränderung und gegen die Aufmüpfigkeit der Jugendlichen sind, dann ist es durchaus sinnvoll, politische Bildung klein und unwichtig zu halten.

Ja, das Schreckgespenst Schulreform ist tot. Südtirol hat wohl einiges retten können, indem es das alte System ansatzweise übernommen hat - leider auch dessen negative Seiten. Das bedeutet noch mehr Verantwortung für alle Lehrenden. Denn sie bestimmen, welchen Platz sie der politischen Bildung in ihrem Fach einräumen. Im positiven wie im negativen Sinne.

Ja, es ist noch viel zu tun. Aber ein Jahr nach “Frühlingsanfang” sollten wir doch gelent haben, dass nichts unmöglich ist. Im positiven wie im negativen Sinne.