Ein Wochenende in Budapest hat vieles zu bieten: Kultur, Geschichte, Entspannung, Feiern… Was will man mehr?
Mit diesem Gedanken habe ich mich am Sonntag auf den Weg gemacht – vom Hostel in das Haus des Terrors. Durchaus vielversprechend für Geschichtsinteressierte befindet sich das Museum in der Andrassy ut 60, in einem breiten Boulevard im Stadtzentrum.
Schon beim Betreten des Gebäudes ist klar, dass es sich hier nicht nur um ein Museum handelt, sondern gleichermaßen um eine Gedenkstätte. Das Haus des Terrors hatte zunächst ab 1937 den Pfeilkreuzlern als Parteizentrale und später ab 1945 der politischen Polizei des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes als Hauptquartier.
„No fotos“, sagt der Mann am Schalter streng mit einem Blick auf meine Tasche. Natürlich habe ich einen Fotoapparat mit. Benutzen werde ich ihn nicht. Dafür sorgt schon dieses bittere Gefühl in der Magengrube, wenn ich darüber nachdenke, was in diesen Mauern alles passiert ist. Wie viele Menschen hier gefoltert wurden. Wie viele getötet wurden. Wie viel hier geschehen ist, das uns heute – nicht einmal ein Jahrhundert später – unmöglich erscheint.

Jeder Raum beleuchtet einen anderen Aspekt jenes düsteren 20. Jahrhunderts, das unsereiner längst überwunden glaubte. Die meisten Filme und Informationen gibt es nur auf Ungarisch, englische Untertitel sind rar, aber in jedem Raum liegen Zettel zum Mitnehmen in englischer Übersetzung bereit.
Die Räume sind beeindruckend: Zu sehen sind die ehemaligen Gefängniszellen, in denen namhafte Persönlichkeiten gefangengehalten wurden – unter anderem Imre Nagy, der zur Zeit des Ungarnaufstandes von 1956 Ministerpräsident war und stets versucht hatte, innerhalb der Sowjetunion einen Sonderstatus für Ungarn zu erhalten. Zu sehen sind aber auch die Folterinstrumente, welche die Pfeilkreuzler anwendeten. Die Pfeilkreuzler bauten 1944 in Ungarn mit der Unterstützung der deutschen Nationalsozialisten ein totalitäres Regime auf. Ein halbes Jahr lang regierten sie jene ungarischen Gebiete, die nicht von der Roten Armee besetzt waren, und ermordeten Schätzungen zufolge bis zu 50 000 Juden allein in Budapest.
Vor der Herrschaft der Pfeilkreuzler regierte Miklos Horthy in Ungarn. Er war Reichsverweser in der „Monarchie ohne Monarchen“. Mit den Friedenverträgen nach dem Ersten Weltkrieg verlor Ungarn zwei Drittel seines Gebiets und ein Drittel der magyarischen Bevölkerung, die fortan als Minderheiten in anderen europäischen Staaten lebte.
Auch das kann man im Handout nachlesen. Mit einer interessanten Pointe: „Up to the Nazi occupation of 1944, Hungary’s affairs were conducted by an elected legitimate parliament and government, with representatives of active opposition parties sitting in the chambers. Depite wartime restrictions, freedom of the press was upheld. Hungarian citizens lived a better and freer life than their neighbours.“
Kein Wort fällt im Haus des Terrors darüber, dass es bereits zu Horthys Zeiten Juden terrorisiert und ghettoisiert wurden. Kein Wort darüber, dass bereits Horthy mit Hitler und Mussolini verbündet war. Kein Wort darüber, dass in der Horthy-Ära teilweise nur zwischen 20 und 40 Prozent der Bevölkerung wahlberechtigt waren. Kein Wort über die Zeit des „weißen Terrors“ gegen Kommunisten und Sozialisten, die er einleitete.
Kein Wort. Es waren die Nazis, welche die jüdische Bevölkerung nahezu ausrottete, es waren die Pfeilkreuzler, die sie in Ungarn unterstützten, und es war die sowjetische Besatzung, die später für den Tod von unzähligen Menschen verantwortlich war.
Schlägt man die Broschüre des Haus des Terrors auf der letzten Seite auf, so gibt es dort einen kleinen, aufschlussreichen Hinweis: „The house of Terror Museum was built with the support of Prime Minister Viktor Orbán […]“
Das Haus des Terrors: Wie viel ist hier geschehen, das uns heute – nicht einmal ein Jahrhundert später – unmöglich erscheint. Unmöglich – und das sollten wir mittlerweile gelernt haben – ist leider zum Glück gar nichts.
